„Ich nahm alle Zustände der Personen, meine Kollegen zum Beispiel durchaus real, als gegebene, einmal fixierte Naturwesen, die nicht anders handeln können als sie handeln, und ordnete hiernach meine Verhältnisse zu ihnen.“
(Johann Wolfgang Goethe, 1749 – 1832)
Im Laufe meiner bisherigen Berufstätigkeit habe ich mit vielen Kollegen zusammengearbeitet. Mit einigen länger, mit einigen kürzer. Mit einigen sehr gerne, mit anderen weniger gerne. In jedem Team traf ich aber immer wieder auf dieselben Typen.
Die Drachen
Noch vor meinem ersten Praxis-Einsatz in der Ausbildung berichteten mir die Auszubildenden der höheren Klassen von Martina, Stationsdrache und gleichzeitig Stationsleitung der Kardiologie. Klar, dass ich meinen ersten Dienst erstmal sehr ängstlich antrat. Letztlich kamen wir aber gut miteinander aus – vermutlich auch, weil das gemeinsame Rauchen im Abstellraum uns miteinander verband. Generell scheint es erschreckenderweise, als sei Rauchen in der Pflege immer noch ein häufig genutztes Mittel, um nicht nur dem Stress aus der Station kurzzeitig zu entfliehen, sondern auch Kontakte zu knüpfen und Bündnisse einzugehen. So ist vielleicht auch zu erklären, warum unser Ausbildungskurs damals mit vier Rauchern startete und mit elf Rauchern endete. Auch auf der Intermediate Care Unit, auf der ich einige Zeit tätig war, hatten diejenigen, die mit dem dortigen Stationsdrachen Sonja Rauchen gingen, gefühlt Vorteile. Allerdings gingen wir niemals einfach rauchen – nein, wie auf wohl jeder Station gab es einen Code, den jeder kannte und von dem jeder wusste, was er bedeutete. So gingen wir wahlweise „Frau Braun lagern“, „an die Warenannahme“ oder den „Pflegearbeitsraum aufräumen“. Sonja war übrigens genau wie Martina nur nach außen hin ein Stationsdrache: beide hatten einen harschen Kommunikationsstil und stellten hohe Forderungen, innerlich hatten sie aber einen sehr weichen Kern und setzten sich für ihre Mitarbeiter ein. Einen echten Stationsdrachen lernte ich allerdings dann doch während meiner Ausbildung kennen: damals musste ich zu einem Außeneinsatz in ein dreißig Kilometer entferntes konfessionelles Krankenhaus. Damals waren in einigen katholischen Krankenhäusern und so auch hier, Stationen noch streng nach Geschlechtern getrennt. Mein Einsatz während des dritten Lehrjahres erfolgt auf einer internistischen Frauen-Station mit 24 Betten in zwölf Zimmern. Die Station untersteht der Herrschaft von Schwester Franziska – und in diesem Zusammenhang ist die Bezeichnung Schwester tatsächlich korrekt, da es sich um eine Nonne handelt. Und auch der Begriff Herrschaft ist in diesem Zusammenhang tatsächlich korrekt, da Sr. Franziska die Station wie ein Feldwebel führt. Der Dienst beginnt im Frühdienst um 06.00 Uhr, also eigentlich wie auf jeder Station, die ich bis zu diesem Zeitpunkt kennengelernt hatte. Neu ist, dass es direkt zur Übergabe eine Trennung gibt. Nur eine der beiden Pflegefachkräfte bekommt die Übergabe vom Nachtdienst, die andere geht mit den Auszubildenden direkt in das Medikamentenzimmer und bereitet Infusionen vor. In drei Monaten habe ich somit keine einzige Übergabe vom Nachtdienst mitbekommen, dafür aber jeden Morgen Berge von Infusionen vorbereitet, an Infusionsständer gehängt und vor die jeweiligen Patientenzimmer gefahren – das Anhängen erfolgt dann später. Um 07.00 Uhr betritt Sr. Franziska die Station und bekommt erstmal eine Übergabe durch die Fachkraft. Währenddessen sind die Auszubildenden und die andere Fachkraft bereits mit der Patientenversorgung beschäftigt. Aber wehe, der Bettenwagen steht an einem Ort, der Sr. Franziska missfällt. Weder vor dem aufgehängten Kreuz am Eingang der Station (vor Zimmer 1 und 2) noch vor der Glaskanzel des Stationszimmers (vor Zimmer 3 und 4) noch vor der Stationsküchentür (vor Zimmer 5 und 6) darf der Bettenwagen geparkt werden, da es den Herrgott und Sr. Franziska stört. Also rennen wir stattdessen mit der Schmutzwäsche über die halbe Station. Hauptsache, das Kreuz wird nicht entehrt. Ach so, wir schreiben übrigens das Jahr 1999. Nach dem Waschen holen wir Schüler den Essenwagen aus der Küche und verteilen das Frühstück, während die Fachkräfte dokumentieren. Die nachfolgende Visitenbegleitung übernimmt selbstverständlich Sr. Franziska, während eine Pflegefachkraft die Infusionsrunde macht und dabei die vor drei Stunden zubereiteten Infusionen anschließt und die andere Pflegefachkraft nach und nach die Visite ausarbeitet und sich um Neuaufnahmen kümmert. Wir Auszubildenden „dürfen“ derweil den Spülraum und die Küche aufräumen, Bettenwagen auffüllen und Botengänge im Haus durchführen. Dabei sollen wir aber tunlichst unauffällig sein: Gespräche miteinander sind nicht erwünscht. Und auf dem Flur sollen wir bitte auch nicht zu sehen sein, da es kein schönes Bild abgibt, wenn Angehörige oder Patienten Putzarbeiten sehen. Ja, die Außendarstellung ist Sr. Franziska sehr wichtig, daher darf außer ihr auch niemand mit Angehörigen sprechen. Nur sie hat ihrer Meinung nach dazu die Kompetenz – was ja letztlich sogar stimmt, da wir anderen ja keine Informationen zu den Patienten bekommen. Und dank ihrer Berufung findet auch nur sie immer die richtigen Worte bei den Patienten. Genauso ist sie auch davon überzeugt, dass eine der Patientinnen extra mit dem Sterben auf sie gewartet hat, als sie eine Woche wegen Exerzitien abwesend war. Tja, Glaube kann halt nicht nur heilen, sondern sogar Todeszeiten steuern.
Die Hausmeier
Immer wieder bin ich auf Kollegen getroffen, bei denen ich mich frage, wie die all das schaffen, was sie so täglich schaffen. Egal wie stressig es auf der Station ist, sie übergeben am Ende einen akkurat versorgten Bereich und gehen dann nach Hause, wo sie noch mal eben die Wohnung renovieren, sich zur Elternratsvorsitzenden wählen lassen und für den Wochenend-Dienst einen Kuchen backen. Und wie die Hausmeier im Mittelalter übernehmen sie dabei noch oft die Rolle der grauen Eminenz und Strippenzieher im Hintergrund. Damit bestimmen sie häufig maßgeblich das Geschehen auf der Station. Eine solche Kollegin ist Friederike, die nach einer Auszeit wieder in die Pflege zurückgekehrt ist. Wenn sie nicht gerade die Station organisiert, Dienstpläne schreibt oder Ausfälle kompensiert, diskutiert sie im Ortsrat und arbeitet nebenberuflich auch noch als Dozentin. Oder Isolde, die seit über dreißig Jahren in der Pflege arbeitet. Bevor sie mit dem Fahrrad zum Frühdienst kommt, ist sie schon eine Stunde mit dem Hund draußen gewesen und hat ihre Bügelwäsche erledigt. Nach dem Frühdienst ist sie erneut mit dem Hund unterwegs und backt einen Kuchen, bevor sie abends einen Sportkurs für den Verein gibt, in dem sie auch die Kassenwartin ist. So sehr ich diese Kollegen auch bewundere, so schwierig kann es doch manchmal sein, wenn sie als Maßstab für alle genommen werden oder sie sich selbst als Maßstab für die Leistungen anderen ansehen. Da halte ich es doch lieber mit Konfuzius, der sagte: “Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben.“
Die Edelleute
Nicht nur in jedem Team gibt es Kollegen, die sich für „besser“ halten als die anderen, in den Krankenhäusern habe ich ganze Teams erlebt, die sich für ausgewählter und besser hielten als andere Teams und / oder Berufsgruppen. So wurde uns Auszubildenden der Erwachsenenkrankenpflege bei den pädiatrischen Pflichteinsätzen unsere geringere Wertigkeit im Vergleich zu den Kinderkrankenpflegern gezeigt, wenn wir keine Pause auf der Station mit dem Team machen durften, sondern alleine in die Mensa gehen mussten. Oder keine Anleitung erhalten, sondern einzig dazu da sind, Windeln und Strampler zu falten und die Becken im Säuglingszimmer zu reinigen. Auf der Neugeborenen-Station dürfen wir die Kinder nicht anrühren, wenn sie jünger als 24 Stunden sind – es sei denn, alle anderen sitzen gerade gemeinsam in der Pause. Da soll ich dann plötzlich mit einem jungen Vater gemeinsam seine wenige Stunden alte Tochter baden. Gerade ich, die bis dahin Neugeborene nur in Form von Puppen im theoretischen Unterricht versorgt hat.
Oder ein spezieller Kollege im Aufwachraum: immer, wenn er Dienst hat und wir von dort Patienten auf die operative Überwachungsstation holen, sind Nachfragen zur OP oder zu dem Patienten nicht gestattet, dafür bekommen wir mitgeteilt, dass der Patient „2,4,6,8 Dipi“ (Schmerzmittel) hatte und alles gut ist. Und schwupps, dreht sich der Kollege um und ignoriert uns. Bei etwa zwanzig Prozent der Übernahmen ist dann entweder aufgrund eines abgeknickten Katheterschlauchs das Bett nass, der OP-Verband massiv durchgeblutet oder die Wunddrainage voll. Aber hey, der Patient hatte ja „2,4,6,8 Dipi“ und keine Schmerzen.
Unschöne Erlebnisse gab es oftmals leider auch mit den Kollegen der Intensivstationen, wenn wir Patienten notfallmäßig dorthin verlegt hatten und einige Stunden oder Tage später in stabilisiertem Zustand wieder abholen konnten. Ich weiß nicht, wie oft man mir augenrollend erzählt hat, man habe den Patienten nur einmal so richtig tief absaugen müssen. Kann man übrigens leicht sagen, wenn man dazu den Patienten mal eben in eine Kurznarkose legen kann um dann ohne Gegenwehr den Absaugschlauch bis zum Bauchnabel zu versenken. Wache Patienten auf den normalen Stationen machen das merkwürdigerweise nur ungern mit. Aber schön, dass der Patienten jetzt wieder unbeschwert atmen kann, dann nehme ich ihn doch gerne mit auf die Station. Dort angekommen bin ich dann die nächste halbe Stunde meist damit beschäftigt, die Leitungen der fünf bis sieben achtlos in Bett geworfenen Infusionen zu entwirren und die, die ich auf einer Normalstation ohne Monitor sowieso nicht laufen lassen darf, zu entfernen.
Das „Besser-Sein“ wird in den Krankenhäusern oft durch unterschiedliche Dienstkleidung gefördert. In besonders warmen Nächten habe ich es nicht ertragen, unsere weißen Synthetik-Kasaks zu tragen und mir immer die blauen Oberteile der Intensivstation mit höherem Baumwollanteil „ausgeliehen“. Immer wenn ich in diesen Nächten im Haus unterwegs bin, grüßen mich plötzlich alle und nicken mir zu. Trage ich einige Nächte später wieder den weißen Kasak, werde ich nicht mehr gesehen.