Reha-Pflege – was ist das?

Stell dir vor, du bist vielleicht knapp 50 und hast plötzlich eine Erkrankung, die dich pflegebedürftig macht. Ist selten? Pflege trifft ja eigentlich nur die Älteren? Von wegen –  mehr als 15% unserer aktuell schwer betroffenen Pat. in der Reha sind jünger als 50 Jahre, knapp 10% sogar jünger als 40 Jahre.

Jetzt stell dir vor, nach der Akutbehandlung im Krankenhaus musst du erstmal zwei Wochen auf einen Reha-Platz warten. Nicht, weil es keinen Betten gibt – sondern weil es zu wenig Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte gibt, die in der Reha arbeiten. Und aufgrund der Fallpauschalen im Krankenhaus kannst du dort auch nicht einen Tag länger bleiben, als medizinisch (nicht pflegerisch!) notwendig, damit die Klinik kein Minusgeschäft mit dir macht.

Was passiert also in den zwei Wochen mit dir?

Wenn du Glück hast, macht deine Familie alles möglich, um dich in der Übergangszeit zuhause zu versorgen. Allerdings fehlt dazu die Ausstattung in der Wohnung, die Wohnung kann vielleicht nicht mit einem Rollstuhl erreicht werden und es ist schwierig, einen Arzt zu finden, der dich auch zuhause betreut – du selbst kannst die Wohnung ja vielleicht zur Zeit nicht verlassen. Deine Angehörigen nehmen sich zwei Wochen Urlaub um dich zu versorgen; Pflegezeit zu nehmen ist ja so kurzfristig nicht möglich. Schnell sind deine Angehörigen überfordert – kein Wunder, auch für sie ist die Situation völlig neu. Ansprechpartner und Unterstützung gibt es kaum, geeignete Hilfsmittel, die die Versorgung erleichtern, gibt es kaum. Am Ende der zwei Wochen – wenn du in die Reha kannst -, sind deine Angehörigen zurecht urlaubsreif, müssen jetzt aber wieder arbeiten. Du beginnst deine Reha.

Wenn du etwas weniger Glück hast, verbringst du die zwei Wochen in der Kurzzeitpflege. Dort bist du vielleicht der einzige jüngere Mensch unter lauter 80-Jährigen. Aber wenigstens wirst du hier fachgerecht versorgt und unterstützt. Doch Moment! Wirst du tatsächlich fachgerecht versorgt? Was wäre jetzt wichtig, um deine Selbstständigkeit zu fördern? Bekommt du wirklich therapeutisch- aktivierende Pflege und regelmäßige Therapie? Oder wirst du vielleicht aufgrund von ständigem Personalmangel im Bett gelassen, weil eine Mobilisation zu aufwändig ist (was nicht stimmt) oder die dich betreuende Pflegehilfskraft(!) nicht weiß, wie sie dich mobilisieren soll (was leider oft stimmt)? Am Ende der zwei Wochen – wenn du endlich in die Reha kannst -, hat deine Muskulatur bereits begonnen, sich abzubauen. Was die Therapeuten auf der Stroke Unit mit dir erarbeitet hatten, ist vielleicht auch bereits vergessen. Du beginnst deine Reha.

Was passiert in der Reha mit dir?

Die ersten Tage verbringen wir damit, abzustecken, welche Ziele du hast und welche Therapien für dich jetzt wichtig sind. Willst du mit aller Kraft in den Beruf zurückkehren und ist das realistisch? Willst du möglichst selbstständig zuhause sein? Musst du lernen, Treppen zu steigen, damit du in deiner Wohnung bleiben kannst? Oder willst du vielleicht längere Strecken am Rollator gehen können, damit du bis zur nächsten Bushaltestelle kommst? Ist es dir wichtig, möglichst wenig Hilfe von anderen zu benötigen oder nimmst du morgens gerne Hilfe in Anspruch, damit du am Vormittag Kraft genug hast, mit deinen Kindern oder Enkeln zu spielen? Dann beginnen wir gemeinsam an deinen Zielen zu arbeiten. Die vergangenen zwei Wochen ohne viel Therapie versuchen wir aufzuholen, damit du siehst, was du noch erreichen kannst. In dieser Phase beginnst du oft auch zu realisieren, welche Einschnitte es jetzt in deinem Leben geben wird und das wohl nichts mehr wird wie früher. Wir versuchen dich aufzufangen und dir Perspektiven zu zeigen. Wenn alles so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, entlassen wir dich nach ein bis zwei Monaten mit den benötigten Hilfsmitteln, die dir weiter ein für dich zufriedenstellendes Leben ermöglichen sollen.

Was passiert hinter den Kulissen in der Reha?

Bereits bei deiner Aufnahme wird erfasst, wie deine Lebensverhältnisse sind, damit wir von Beginn an die Planung der weiteren Versorgung -angepasst an deine Möglichkeiten- im Blick haben können. Regelmäßig tauschen wir uns zu verschiedensten Gelegenheiten wie Übergaben oder Bereichsbesprechungen mit mehreren Professionen über dich und deine Fortschritte, deine Rückschritte, deine Entlassperspektiven und auch über neu aufgetretene Probleme aus.  In den regelmäßigen Visiten sprechen wir natürlich auch mit dir über all diese Dinge und entschieden mit dir gemeinsam darüber, ob wir beginnen, deine weitere Versorgung zu planen oder bei der Krankenkasse eine Verlängerung beantragen. Der Krankenkasse müssen wir nämlich regelmäßig darlegen, ob und warum wir bei dir noch Verbesserungspotential sehen, erst dann bekommen wir auch eine weitere Kostenzusage.

Was macht eigentlich die Pflege in der Rehabilitation?

Unsere Aufgabe ist es, dich in deiner Selbstständigkeit zu fördern. Sei also nicht überrascht, wenn wir dir nicht die Füße oder die Arme waschen. Und auch wenn die Kollegen in anderen Bereichen das gemacht haben (oft, weil es einfach schneller geht); wir werden das nicht machen, solange du deinen Anteil zu deiner Pflege beitragen kannst. Denn genau das entspricht unserem Auftrag und unserem Verständnis von Pflege: dich anzuleiten und dir Wege aufzuzeigen, wie du mit möglichst wenig Unterstützung zurechtkommst. Manchmal können wir daher mit den Händen in der Hosentasche pflegen – und auch das ist dann gute Pflege! Da wir dich im Gegensatz zu den Ärzten und Therapeuten über den gesamten Tag und auch die Nacht begleiten, bekommen wir ein umfassenderes Bild von deinen Möglichkeiten und deinen Fähigkeiten im Alltag und berichten den anderen Professionen darüber. Fortschritte, die du in der Therapie erzielt hast, versuchen wir in deinem derzeitigen Alltag zu verfestigen, indem wir auch die Pflege therapeutisch-aktivierend gestalten. Auch deine Angehörigen binden wir bei Bedarf mit ein und üben z.B. mit ihnen, wie sie dich später dabei unterstützen können, dich vom Bett in den Rollstuhl zu bewegen. Wir leiten dich an, wie und wann du Medikamente einnimmst, du erhältst bei Bedarf Informationen zum Blutdruck- und Blutzuckermanagement und speziell geschulten Fachkräfte beraten dich zu den Themen Kontinenz und Wundversorgung.

Was ist die Zukunft der Reha-Pflege?

Hier sieht es ziemlich düster aus. Der überall herrschende Fachkräftemangel schlägt sich hier oft besonders deutlich nieder. Die Gründe dafür sind vielfältig und beginnen bereits in der Ausbildung: der Lernplan sieht in der Theorie einen großen Anteil an rehabilitativem Pflegehandeln vor – in der Praxis wir uns aber verwehrt, selbst auszubilden. Die Bundesregierung nennt als Begründung, dass wir weder Akut – noch Langzeitpflege anbieten. Das ist insofern richtig, als das wir tatsächlich zwischen beiden Bereichen stehen. Unsere Pat. sind medizinisch nicht mehr als akut eingestuft. Im pflegerisch-therapeutischen Bereich hingegen beginnt eigentlich genau jetzt die akute Phase, in der wir durch eine intensive pflegerische Versorgung den Übergang in die Langzeitpflege möglichst vermeiden wollen. Da wir aber nun mal nicht ausbilden dürfen, fehlt den zukünftigen Pflegekräften oft der Einblick in die aktivierende Pflege und der Arbeitsplatz Reha bleibt unbekannt. Ein weiterer Grund, warum sich der Fachkräftemangel in der Reha zukünftig besonders dramatisch zeigen wird: wir werden bei allen politischen Diskussionen und Vorgaben nicht berücksichtigt: egal ob Investitionen zur Digitalisierung, Angebote der Krankenkassen zum betrieblichen Gesundheitsmanagement, Corona-Prämien oder Personalschlüssel. Die Rehabilitation bleibt außen vor. Was den Arbeitsplatz nicht gerade attraktiv macht – wenn nicht die Kliniken selbst investieren, um den Anschluss nicht zu verpassen. Die Mittel dazu sind allerdings begrenzt, denn die mit den Krankenkassen vereinbarten Tagessätze lassen wenig Spielraum, um daraus auch noch Rücklagen für Investitionen zu generieren. Der Genehmigungsvorbehalt der Krankenkassen kann dann zusätzlich für Probleme sorgen, wenn nach Preis gesteuert wird und Patienten lieber in günstigere Kliniken mit oft geringerer Therapiedichte geschickt werden. Fassen wir zusammen: ein relativ unbekanntes Arbeitsfeld mit bisher guten Arbeitsbedingungen wird dem Druck auf dem Markt und dem stetigen Abwerbungswettbewerb (Anwerbeprämien für Pflegekräfte liegen inzwischen oft im vierstelligen Bereich) kaum standhalten können. Und der bisherige Wettbewerbsvorteil („Zeit für Pflege“, ganzheitliches Arbeiten) kann bei einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen die oft niedrigeren Gehälter auch nicht mehr kompensieren.

Was bedeutet das für dich?

Du hast Glück im Unglück, denn du bist jetzt in der Reha und nicht erst in fünf Jahren. Noch können wir all das bieten, was unter den Aufgaben einer Pflegekraft in der Reha aufgeführt ist, da wir über sehr gut qualifizierte Mitarbeiter verfügen. Aber wir werden immer weniger, offene Stellen sind die Regel und nicht die Ausnahme. Dazu kommt in den nächsten Jahren eine hohe Anzahl an Kollegen, die in die Rente gehen werden. Neue Kollegen bekommen wir kaum noch, viele Stellen habe wir schon mit anders qualifizierten Mitarbeitern wie etwa medizinischen Fachangestellten besetzt, um zumindest die Versorgung der Rehabilitanden, die keine großen Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens haben, sicher zu stellen.  Diese können aber keine Pflegefachkräfte – also Spezialisten für die therapeutisch- aktivierende Pflege, für Mobilisation, für Anleitung und Beratung – ersetzen. Auch Pflegehilfskräfte können das nur sehr bedingt, denn eine gute Versorgung setzt einen umfassenden Blick auf Bedarfe, ein gutes pflegerisches Grundlagenwissen und eigenständige, der Situation angepasste Entscheidungen voraus. Das lernt man eben nicht in einem Jahr.

Stelle dich also darauf ein, dass du, wenn du in einigen Jahren mal wieder bei uns bist, nicht mehr so betreut werden könntest, wie es jetzt noch der Fall ist.

Vielleicht haben auch wir dann keine Zeit mehr, dich mehrmals am Tag zu mobilisieren. Vielleicht wird eine Hilfskraft dich nach Plan waschen. Vielleicht wird der Pflege-Plan von der letzten verbliebenen Fachkraft der Station erstellt, die dich noch nicht einmal gesehen hat. Vielleicht wurden auch die Visionen der FDP umgesetzt und deine „Pflege“ läuft jetzt vollautomatisiert und eine Künstliche Intelligenz legt fest, was die Hilfskraft auszuführen hat. Vielleicht wurden auch die Pläne der SPD Realität und die verbliebenen Fachkräfte haben ihre Ausbildung als Schnellqualifikation durchlaufen. Vielleicht hat auch die AFD es geschafft, ihr tradiertes Bild von Pflege durchzusetzen und professionelle Pflege wurde vollständig durch Familienpflege ersetzt – dann wärst du überhaupt nicht wieder hier. Vielleicht hat auch die CDU ihre Pläne umgesetzt und – ja, was eigentlich?

Vielleicht haben wir aber noch eine Chance. Es liegt auch an dir, was Politik aus Reha macht.