Mein Anfang in der Pflege

Der Anfang ist immer das Entscheidende; hat man’s darin gut getroffen, so muss der Rest mit einer Art von innerer Notwendigkeit gelingen, wie ein richtig behandeltes Tannenreis von selbst zu einer geraden und untadeligen Tanne aufwächst.

(Theodor Fontane , 1819 – 1898)

Mein Anfang in der Pflege begann eher zufällig und bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr hätte ich mir auch nicht vorstellen können, jemals in einem Pflegeberuf zu arbeiten. Warum nicht? Nun ja, ich hatte einfach keinen Bezug dazu.

Wie fast jeder andere Mensch auch, habe ich zwar hin und wieder Krankenhäuser auch mal von innen gesehen, ob selbst als Patient zur Blinddarmentfernung, als Gast in der Notaufnahme, weil ich versucht hatte, auf einer abschüssigen Strecke freihändig Fahrrad zu fahren und den Versuch mit einem Armbruch bezahlt habe oder als Besucher. Diese Anlässe hatten in mir allerdings nie den Wunsch geweckt, eine Pflegekraft zu werden.

In meinen Berufsvorstellungen sah ich mich eher als Archäologin, Journalistin, Justizvollzugsangestellte oder Pastoralreferentin. Im familiären Umfeld lernte ich vorwiegend „Schreibtisch-Berufe“ kennen, meine Mutter war Buchhalterin, der Vater Bankkaufmann, die Tante Steuerfachangestellte.

Der Traum von der Archäologie zerschlug sich recht schnell, als ich mich näher über die oft fehlenden Perspektiven und Möglichkeiten nach dem Studium informierte. Aus demselben Grund erschien mir der Journalismus zu unsicher (da zeigte sich wohl erstmals das solide Buchhalter-Gen meiner Familie). Auf die Idee, Pastoralreferentin zu werden, kam ich durch meine eigene Tätigkeit als Ministrant und Jugendgruppenleiter in der katholischen Kirche. Da ich aber zunehmend Zweifel an der Institution Kirche bekam, schied auch diese Berufswahl aus. Inzwischen war ich auch zu dem Schluss gekommen, dass ich nach dem Abitur erstmal nicht Studieren, sondern lieber eine Ausbildung machen wollte um direkt Geld zu verdienen und unabhängiger von meinen Eltern zu sein.

Durch mein Patenkind mit Down-Syndrom hatte ich zwischenzeitlich etwas über therapeutische Berufe gehört und dachte, eine Ausbildung zur Logopädin könnte für mich möglicherweise das Richtige sein. Die Unsicherheit darüber, ob ich wirklich ausreichend Geduld für einen solchen Beruf aufbringen könnte und auch, ob die Arbeit mit Kindern überhaupt etwas für mich ist, bewog mich dazu, erstmal ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren. Geplant hatte ich, dieses im Bereich der Kinder-, Jugend- oder Behindertenarbeit durchzuführen, da ich aber mit meiner Bewerbung sehr spät war, blieb nur noch ein Platz in der Pflege in einem Krankenhaus übrig. Und so begann meine „Pflegekarriere“…

Es war das Jahr 1996, es gab noch keine DRGs, Krankenhäuser waren vorwiegend in kirchlicher oder öffentlicher Trägerschaft. Mein Einsatz erfolgte in einem kleinen kirchlichen Krankenhaus in einer Kleinstadt im Münsterland mit etwa 250 Betten – inzwischen ist das Krankenhaus eine Tochtergesellschaft der nächsten Uni-Klinik und zahlreiche Abteilungen wurden aufgelöst. Ich wurde auf die interdisziplinären Stationen G + H geplant. Die Station G war eigentlich eine gynäkologische Station, hatte aber zusätzlich ein Vierbettzimmer für Kinder- und Jugendliche, die – egal in welcher Fachrichtung – operiert wurden. Die Station H lag eine halbe Etage über der anderen Station, verfügte über kardiologische und HNO-Betten und ein separates winziges Stationszimmer. Die Versorgung der beiden Stationen mit zusammen etwa 55 Betten erfolgte über ein Team, zu dem ich nun auch gehörte. Ich kann mich noch daran erinnern, wie voll das Stationszimmer zu den Übergaben war: an manchen Morgen waren wir zu Neunt und fanden kaum Platz. Zusätzlich kam dann später noch die Küchenfrau, die in der Stationsküche das Essen portionierte und auch Reinigungs- und Aufbereitungsarbeiten durchführte. Viele der damaligen Kollegen würde ich nach über 20 Jahren nicht mehr wiedererkennen, aber das gute Gefühl, Teil eines Teams zu sein und jeden Tag Neues lernen zu können, ist mir in Erinnerung geblieben. Ebenso wie Schwester C., die für Station H zuständig war, in ihrem kleinen Stationszimmer hockte und immer dann Hilfe benötigte, wenn es galt, den Intimbereich eines Mannes zu versorgen, „denn das hatte sie noch nie gemacht und nie gesehen“. Irgendwann hatte ich sie auch gefragt, was passieren würde, wenn sie keine Hilfe hätte. Ihre Antwort: „Dann mach ich das halt, aber lass die Decke drüber“. Im Nachhinein frage ich mich, ob diese Kollegin heute noch die Ausbildung geschafft hätte…

Es war die Arbeit im Team, das unterstützende Miteinander, der abwechslungsreiche Umgang mit den großen und kleine Patienten und nicht zuletzt die gute Anleitung durch Krankenschwester Christiane (ja – damals war das noch die offizielle Berufsbezeichnung) die dann letztlich zu meinem Entschluss führte, eine Ausbildung in der Krankenpflege zu beginnen.