„Jedes Projekt, welches in einem Zeitraum der Ruhe entworfen wird, misslingt, sobald die Bedingungen extrem werden.“
Klemenz Wenzel Lothar von Metternich (1773- 1859)
In der Pflege kommt es immer wieder zu Extremsituationen aus unterschiedlichsten Gründen.
Eine besonders langandauernde Extremsituation war und ist die Corona –Pandemie seit 2020, aber auch schon zuvor gab es in meiner beruflichen Laufbahn Ereignisse, die mich forderten, an und über die Belastungsgrenze brachten, sprachlos zurückließen, nahezu hilflos machten oder auch entsetzen und die sich tief in mein Gedächtnis einbrannten.
Häusliche Zustände
Während meiner Ausbildung durchlief ich auch einen Einsatz in der ambulanten Pflege und obwohl das Ganze jetzt schon über 20 Jahre her ist, sehe ich noch immer das villenähnliche Haus in der gehobenen Wohngegend vor mir, in der wir einen Schlaganfallpatienten zu versorgen hatten. Sein Pflegebett war im Wohnzimmer aufgebaut worden, der ambulante Pflegedienst kam morgens zur grundpflegerischen Versorgung und Mobilisation in den Rollstuhl, abends kam die Abendschicht zum Rücktransfer ins Bett. Haus, Garten und Patient waren gut gepflegt, die Ehefrau des Patienten sehr bemüht. Was mir aber bereits damals auffiel: die Einmal – Inkontinenzunterlage im Bett musste unbedingt über viele Tage wiederverwendet werden, obwohl sie bereits ausflockte, Handtücher wurden abgezählt, Katheterbeutel, die nachts als Verlängerung dienten, wurden ausgeleert und im Bad zur abendlichen Wiederverwendung aufbewahrt. Aus dem Krankenhaus kannte ich so etwas bislang nicht, noch lange erzählt ich meinen Bekannten daher von der geizigen Frau in dem tollen Haus. Erst viel später begriff ich, wie teuer Pflege für Angehörige sein kann und wie schwierig es ist, mit ausreichend und angemessenen Hilfsmitteln ausgestattet zu sein.
In der gleichen Siedlung ein paar Häuser weiter lebte ein weiterer Patient von uns. Dabei handelte es sich um eine ältere Dame, die aufgrund einer Parkinson-Erkrankung nur noch wenige Schritte mit dem Rollator mobil war und morgens Unterstützung bei der Mobilisation und Versorgung am Waschbecken erhielt. Im unteren Stock lebt die Tochter der Patientin, die sie zu den Mahlzeiten mit Essen versorgte, die Enkelkinder lebten im ersten Stock. Die Patienten selbst war im Dachgeschoss untergebracht. Unsere Aufgabe war es, sie morgens aus dem Bett zu transferieren und in ein etwa 3 x 3 m großes Badezimmer zu begleiten. Eine besondere Herausforderung war es jeden Morgen, auf dem Weg die gefühlt mindestens 2 kg schwere, da völlig durchnässte Inkontinenzhose nicht zu verlieren. Im Bad angekommen wurde es dann eng, man stelle sich bitte eine Flugzeugtoilette vor, in der sich zwei Personen gleichzeitig aufhalten, wobei die eine davon auch noch in alle Richtungen beweglich sein soll. Was für den „Mile High Club“ vielleicht eine glückbringende Herausforderung ist, ist als tägliche Arbeitsbedingung eine elende Quälerei.
In der ambulanten Pflege machte ich auch meine ersten Erfahrungen, welche Auswirkungen ein sauberes Umfeld und hygienische Bedingungen haben können. Zweimal die Woche fuhren wir eine etwa 60-jährige Frau mit Wunden an den Beinen an, die durch uns versorgt werden sollten, anschließend wurden die Beine gewickelt. Die Frau erwartete uns in ihrem Wohnzimmer im Sessel sitzend, den Verbandswechsel führten wir dann vor ihr auf dem Teppich kniend, durch. Alleine das erforderte schon Überwindung, da der Teppich bestimmt seit Jahren keinen Staubsauger gesehen hatte und an einigen Stellen ziemlich klebte. Wenigstens konnten wir das Wundsekret, das uns beim Entfernen der Verbände bereits entgegenlief, durch untergelegte Einmalunterlagen auffangen. Nach Ende meines Einsatzes in der ambulanten Pflege hat einer meiner Mitschüler meine Tour – und damit auch diese Patientin – übernommen. Er berichtete einige Wochen später, dass ihm bei einem der nächsten Verbandswechsel Maden entgegengekommen seien und die Patientin daraufhin ins Krankenhaus eingewiesen wurde, ihr Zuhause hat sie nie wiedergesehen.